AUF DEM BODEN DER STADT

                                                    

                                                                 

Windige Vorweihnachtszeit. München. Frühes Tageslicht. Wie aufgeladene Batterien drängten Passanten heulender Winde ähnlich, durch die dekorativ gestylte Einkaufsmeile. Demnach hatten die meisten ihren ersten gnadenlosen Kampf des Tages erfolgreich überstanden und den Parkplatz als stolze Krieger verlassen. Irgendwo in der City bemühte sich ein unrasierter Mann, so um die dreißig, auf Knien und mit Kreide bewaffnet, einem kleinen Stückchen des Betons Farbe zu geben. Als Motivvorlage benutzte er Skizzen, welche er Tage zuvor, noch in Saarbrücken, vor dem Saarkran zu Papier gebracht hatte. Gemeinsam mit Bekannten Berbern, sowie einigen ausgeflippten Aussteigern war dort sein Geburtstag gefeiert worden.

Es sollte ein detailverliebtes Gemälde jenes Lastenträgers aus früherer Zeit, samt unmittelbarer Umgebung, werden.

Irgendwie zog es ihn immer wieder dorthin. Weshalb wusste er selbst nicht so genau. Ihm schien es, als sei dieser Ort durchtränkt von Melancholie. Vielleicht lag es an der Saar, die längst gezähmt ruhig dahin floss oder an der satt grünen Wiese ringsherum, den Brücken oder am Saarkran selbst, der Geschichte und Sehnsüchte heimlich zu umklammern schien.

Der Künstler selbst nannte sich Monomann. Sein bürgerlicher Name blieb auf diese Art im Dunkeln und schließlich schnell vergessen.

Monomann entschied sich bereits als Jugendlicher für ein Dasein als Wanderer. Wie ein Suchender von Ort zu Ort. Die kleinen Spenden vorüber ziehender Menschenmassen, reichten wirklich gerade dazu nicht verhungern zu müssen. Seine Überzeugung, Hoffnung eine gerechtere Welt betreffend, verlieh dem Lebensstil einen unermüdlichen Nachschub an frischer Energie. Nebenbei konnte Monomann tatsächlich überirdisch gut mit der Kreide umgehen. Seine Gemälde strahlten eine natürliche Kraft aus, waren eine Message für jedermann. So auch in Münchens Shoppingmeile. Die ersten Striche des Saarverlaufs erahnten Kenner bereits.

Monomann zeichnete mit gesenktem Haupt, wie in Trance. Sein Körper schien die Kälte des Bodens nicht zu bemerken, es tropften ihm sogar kleine Schweißperlen von der Stirn. Die Konsumfreudigen dagegen eilten überwiegend vorbei und kein noch so verstohlener Blick von ihnen schien Monomanns Kunst anerkennen zu wollen.

Sie würden sich nur daran erinnern, dass dieser junge Mann, auf dem eigentlich stur geradeaus führenden Laufsteg mit den verlockenden Einkaufstempeln, störte. Eine regelrecht aufgezwungene Abweichung vom fest geplanten Shopping Weg. Ein Bogen den Künstler zu umgehen.

Monomann nahm das regelmäßige Gefluche schon überhaupt nicht mehr wahr.

Die Stunden vergingen. Endlich tätigte Monomann den letzten Strich. Eine Pause schien ihm nun angebracht. Er ließ sich im Schneidersitz auf seiner vorbereiteten Wolldecke nieder und stellte den Spendenhut vor sich.

Das Geld blieb aus.

Wahrscheinlich hatten die Leute in der Vorweihnachtszeit einfach nichts mehr zu geben oder waren genervt, von ihm, dem Fremden. Das kannte er nur zu gut .  

Manch übles Wort musste er, während der Stunden in denen er auf der Decke saß, unkommentiert hinweg ziehen lassen. Bis Monomann klar wurde, dass er in München kein Geld zum Überleben machen konnte. Hinzu kam die Stimmung der Vorweihnachtszeit, die ihm so künstlich und verlogen entgegentrat. Und wäre er Van-Gogh in Person gewesen, hier ignorierte man sein Geschaffenes. Die bundesrepublikanischen Leute verwischten längst mit schamlosen Schritten sein Bild.

Monomann blickte mitleidlos umher. Er zitterte inzwischen am ganzen Körper. Die beißende Kälte hatte ihn eingeholt, drang unerbittlich durch die Kleidung. Irgendein vermummter Sprayer verzierte ganz in Monomanns Nähe, ein Stück graue Wand zwischen zwei Schaufenstern. Als der schließlich wieder verschwunden war, stand dort in großen, schwarzen Buchstaben: TRÖGE FÜR DIE HAMMELHERDE!

Da tauchten wie aus dem Nichts zwei Streifenpolizisten auf. Fachmännisch penibel untersuchten sie die Bescherung am Gemäuer. Aber der Täter war sicherlich nicht mehr zu greifen. Doch dann erblickte das Adlerauge des Gesetzes das Individuum auf dem Betonboden.

Sieh an, sieh an, dachte Monomann. Ob er sich des doch noch entgegengebrachten Interesses erfreuen sollte? Schon standen die Uniformierten vor ihm: Bodenmalerei?, prustete der ältere fragend, besitzen Sie eine rechtsgültige Erlaubnis sich in der Form hier aufzuhalten? Aufzuhalten, wiederholte der Kollege.

                                                                

Während sich der ältere Polizist mit Monomann beschäftigte, wischte sein Kollege mit der rechten Schuhsole den letzten, noch sichtbaren Rest des Gemäldes so schwungvoll, wie dynamisch weg. In diesem Augenblick überkam Monomann eine tiefe innere Leere: Ich verstehe ja schon. Ein jeder erledigt nur seine Pflicht, für hoffnungsvolle acht Stunden pro Tag. Nun wähnten die Beamten sich nicht mehr ausreichend respektiert. Hier war die Ingewahrsamnahme eines widerspenstigen Bürgers angesagt. Monomann tat so, als greife er in seine innere Jackentasche, dem gefordertem Ausweis wegen, um dann jedoch blitzschnell, noch bevor die Handschellen klickten, durch einen nach links angetäuschten Ducker, gefolgt von einem tierischen Sprint in die entgegengesetzte Richtung, zu verschwinden. So schnell er nur konnte.  Die Überraschung glückte. Erst später im Zugabteil, nach Ausfahrt des Zuges aus dem Bahnhof, schlug sein Herz allmählich wieder langsamer. Vom letzten Geld in der Hosentasche erwarb Monomann eine Fahrerlaubnis beim Schaffner. Sein Rucksack und die Wolldecke hatte er zurück lassen müssen.

                                                                  

Ein neuer Wintertag brach an. Der Polizeidienstapparat fahndete im gesamten Land nach dem Verbrecher. Erfolglos. Bis in Münchens Dienststelle folgende Meldung eintraf: Gesuchte Person im Saarland ausfindig gemacht. Sache kann eingestellt werden. Eilt!

Genau einen Tag nach Monomanns angeblich spektakulärer Flucht, entdeckte ein Rentnerehepaar, während des frühen Spazierganges, den leblosen Körper eines jungen Mannes am Saarkran. Am Lastarm erhängt, mit Hilfe eines festen Strickes. Was niemals jemand erfuhr: während die Kripo nach Monomann fahndete, entführte in München eine Mutter ihr eigenes Kind, welches laut Gerichtsurteil bei seinem Vater aufwachsen sollte. Mit einem Kleinwagen und der unangeschnallten Geisel auf dem Beifahrersitz, raste sie in Richtung Autobahn und schließlich als Geisterfahrerin gegen einen Sattelschlepper. Beide, Mutter und Tochter, waren augenblicklich tot. Der Vater des Kindes  begab sich völlig verstört in die Einkaufsmeile Münchens. In der Rechten eine Pistole. Dort zielte er wahllos auf die Köpfe der "Anderen" und drückte ab. Die Menschen schrien laut. Panisch versuchten sie aus der Schussbahn zu flüchten. Einige stürzten blutüberströmt zu Boden, andere wurden totgetrampelt. Lediglich ein Clochard fasste Mut und stoppte den Vater, indem er sich selbstlos auf ihn warf und fest umklammert hielt, bis die Polizei nach geschlagenen fünfundzwanzig Minuten endlich eintraf.                                    

                                                                                           

                                                                                            ©A.F.R.

 

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